Unsere Tauchlehrerin Lucy schreibt heute über das Thema – Die Lebewesen der Riffwand – oder das Eintauchen in eine andere Welt.
Ich bin ja bekanntlich ein Junkie, was Großfisch angeht. Stets mit dem Blick in die Weite, lasse ich mich am liebsten über Sandplateaus oder an Steilwänden entlang treiben, in der Hoffnung, irgendwo in der Ferne die Flossenspitze eines Adlerrochens, den Schatten eines Napoleons oder gar die elegante Bewegung eines Hais zu erahnen. Wenn dann tatsächlich etwas Größeres vorbei schwimmt, schlägt mein Taucherherz Purzelbäume.
Doch ich kann auch anders. Manchmal, wenn mich eine besondere Ruhe unter Wasser überkommt und die schmachtende Gier nach einer Sensation einem meditativen Entspannungszustand weicht, wende ich mich gerne der Riffwand zu und beobachte das Treiben der Riffbewohner.
Das Leben im Riff ist unglaublich komplex und voller kleiner Überraschungen. Da treiben sich unzählige Arten auf kleinstem Raum herum. Ich muss zugeben, dass ich die kleinen Fischchen, von denen es da en masse gibt, oftmals einfach ausblende, auf der Suche nach einem getarnten Steinfisch oder Oktopus. Dabei sind sie es, die das Riff so bunt und lebendig machen.
Da haben wir zum Beispiel die Zebrafische, die korrekterweise Sergeants heißen. Sie huschen herum, als wären sie stets in Eile. Wenn sie ihre Eier gelegt haben, sehen die Steine an diesen Stellen lila aus und die stolzen Kleinen führen seltsam anmutende Tänze vor, die nur sie verstehen. Die Nemos natürlich, Anemonenfische also, in ihren weichen aufgepusteten Anemonen, sind in jedem gut geführten Riff zu finden. Sie sind immer zur Stelle, wenn sich nur die kleinste mögliche Bedrohung nähert. Wie die Großen, schießen sie vor die Tauchermaske und verteidigen ihr Zuhause mit dem eigenen Leben. Wie kleine orangene Erbsen, rollen die Babies tief in die Arme der schützenden Anemone. Oft sind kleine schwarze Dreipunkt-Preußenfische dabei, die das Verhalten der Nemos angenommen haben. Von den eigenen Eltern verstoßen, wurden sie von Familie Nemo adoptiert und dürfen die Anemone mit ihnen teilen.
Zwischen den Korallen graben Meerbarben im Sand und lassen sich kleine Schalentiere schmecken. Die Schachbrettjunker weichen ihnen nicht von der Seite – es könnte ja ein ausgegrabener Leckerbissen übrig bleiben, nachdem es schnell zu schnappen gilt. Die Papageienfische nagen inzwischen an den Korallen und brechen mit ihren Schnäbeln kleine Stückchen ab. Wenn man lauscht, kann man das Knabbern sogar hören. Ein Pärchen Zitronenfalter versteckt sich Flosse an Flosse unter einem Überhang, als wären sie ein Stück Sonne unter der Wasseroberfläche.
Hier und da finden wir die bekannten Putzerfische, bei denen sogar die flinken Zackenbarsche oder große Muränen still halten. Die fleißigen schwarz-blauen Fischchen geben sich bei der Putzarbeit viel Mühe und gehen an die Sache pflichtbewusst und sogar zukunftsorientiert heran. Ihre „Stammkunden“ haben Vorrang und werden zuerst und gründlicher bedient als neue Fische, die zufällig an der Station vorbei schwimmen.
Ja, und über dieser vielfältigen bunten Welt, über dem ganzen farbenfrohen Gewusel, hängt ein Vorhang aus munteren Fahnenbarschen, Demoiselles und Schwalbenschwänzchen, die die fließenden Bewegungen der Wogen mitmachen und in einem Takt zusammen tanzen, als wären sie nicht etwa Tausende von kleinen perfekten Lebewesen, sondern ein Körper und eine Seele. Wortlos und lautlos bewegen sie sich ohne Missverständnisse immer in eine Richtung und bilden zusammen ein ineinander verwobenes Netz oder eine schimmernde Wolke, die sich schützend über das Riff legt.
Wenn ich dann vor so einer faszinierenden Riffwand eine Weile lang schwebe, empfinde ich voller Dankbarkeit ein Glücksgefühl, das sich der Sprache entzieht. Welch wunderbare Schätze werden uns hier täglich geschenkt! Was für ein Glück wir doch haben, in diese zarte Welt einzudringen, ja ein Teil von ihr werden zu dürfen! Jedes Mal, wenn wir abtauchen, verschmelzen wir mit diesem magischen wundervollen Kosmos, als würden wir zu unserem uralten Ursprung zurückkehren, zu einer Zeit, als alles noch Wasser war.
Geht es euch ähnlich wie mir? Ich freue mich über eure Riffwand Erlebnisse!
Eure Lucy





