Gerade Live und noch etwas im heutigen Walhai FIEBER kamen diese Zeilen von unserer Tauchlehrerin Lucy zu Papier bzw. in ne Mail auf meinen Schreibtisch. Wer eine Begegnung beim Tauchen mit dem wohl imposantesten Lebewesen im Roten Meer so in Text fassen kann…..hat einfach nur ein riesengroßes Bravo, Klatsch, Jubel, Teilen oder LIKE verdient. Danke vielmals Lucy, dass Du uns Deine tolle textliche Gabe und das persönliche Erlebnis zur Verfügung stellst und mit uns allen teilst. Danke nochmals und nun viel Spaß beim Lesen.
Wie schreibt man über ein Erlebnis, das so mächtig war, dass es sich den Worten entzieht? Keine leichte Aufgabe. Ich werde es in der Hoffnung versuchen, die Leser verzeihen mir etwaige Lücken in der bescheidenen Rekonstruktion des Erlebten. Also. Wir sehen die glitzernde Meeresoberfläche. Der Wind ist schwach, es bilden sich nur kleine Schaumkronen. An einer Stelle kreisen Vögel und jagen kleine Fische aus einem Schwarm knapp unter der Oberfläche. Sie drehen schreiend ihre Kreise und stürzen sich kopfüber ins Wasser. Dieses scheint durch das Zappeln der silbernen Beute förmlich zu kochen. So eine Stelle ist besonders interessant für uns, denn unter diesem Fischschwarm vermuten wir Makrelen und Thunas, die die Fische von unten zusammentreiben und sich an ihnen wie aus einer Keksdose bedienen. Außerdem, und das ist der Hauptgrund, warum das Boot langsamer wird, erhoffen wir uns einen noch größeren Meeresbewohner zu erspähen, der ebenfalls von der Lage profitiert – den Walhai. Seit einigen Tagen soll er sich hier herumtreiben. Ich habe meinen letzten und bis jetzt einzigen Walhai vor ziemlich genau drei Jahren gesehen. Meine Sehnsucht tut fast weh. Tatsächlich schimmert etwas großes in der Nähe des Bootes im Flachwasser. Das ist er! Das muss er sein! Blitzschnell sind die Taucher zum Schnorcheln bereit – die fast schon in Vergessenheit geratenen Schnorchel werden aus den Taschen geholt.
Wir springen ins Wasser direkt in die Nähe des Tiers. In dem Moment bleibt die Zeit stehen. Als hätte sich das Unglaubliche direkt vor meinen Augen materialisiert. Was für ein wunderschöner Fisch! Er ist geschätzte fünf Meter lang, mit einem flachen Kopf und kleinen Augen. Das Maul ist breit und scheint leicht verträumt zu lächeln. Seine Haut schimmert gräulich blau unter der Wasseroberfläche. Die Flossen sind lang und wahnsinnig elegant, überhaupt glaube ich noch nie etwas so anmutiges gesehen zu haben. Er ist bei seiner Größe wahrscheinlich noch nicht sehr alt, scheint aber über jede uralte Weisheit zu verfügen, als hätte er all das Wissen in sich, das wir niemals erlangen können. Und er ist nicht allein unterwegs. Eigentlich ist es weniger ein Tier als eine Art im sich geschlossener Minikosmos. Mehrere Schiffshalter begleiten den sanften Riesen. Sie gleiten über seinem Körper rauf und runter, saugen sich mal da mal dort fest, lassen wieder los und suchen sich eine neue Stelle. Der kleinste von ihnen presst sich direkt durch seine Kiemen ins Innere des Tiers. Einige gelb gestreifte Pilotmakrelen mittlerer Größe flitzen unten dem langen Körper des Hais. Sie drücken sich nah aneinander, damit durch den Sog, den der Fisch beim Schwimmen bestimmt erzeugt, nicht verloren zu gehen. Und vor seinem Maul huschen winzige Fischchen immer ein klein wenig schneller als der Riese. Ob sie keine Angst haben, verschluckt zu werden?
Dieser Anblick, der sich mir da bietet, verschlägt mir den Atem. Der Walhai gleitet dahin, sein langer Rumpf wellt sich geräuschlos im tiefen Blau. Mühelos schwimmt er vor sich hin, während ich kräftige schnelle Flossenschläge brauche, um überhaupt halbwegs mitzukommen. Doch er hat es nicht eilig. Vielliecht genießt er sogar die Aufmerksamkeit oder ist selbst ein wenig neugierig. Er bewegt sich langsam in großen Kreisen und kommt immer näher zur Wasseroberfläche. Mittlerweile haben sich mehrere Boote zusammengefunden, jeder will ein Teil der wundersamen Begegnung sein. Viele Schnorchler verausgaben sich in den Wellen, während der Walhai nur einmal mit der Schwanzflosse wedelt, um mehrere Meter Vorsprung zu bekommen. Auch die vielen Menschen machen ihm nichts aus. Möglicherweise macht er sich innerlich ein wenig lustig über unser deutlich weniger graziles Gezappel an der Oberfläche. Aber er geht nicht weg. Ganze fünfundvierzig Minuten bleibt er da und lässt sich bestaunen.
Ich bin mittlerweile wie in einem Strudel aus Zeit und Raum gefangen. Immer weiter folge ich dem schönen Tier, immer mehr Kraft finde ich in mir, noch einen Atemzug, noch einen Flossenschlag, obwohl ich meinen Körper nicht mehr spüre. Wir sind aus dem Blau plötzlich über einem Sandplateau, in der Nähe einer Insel. Der Walhai schiebt einen großen Makrelen schwarm auseinander, dann einen Füsilierschwarm, dann noch einen. Einmal kommt er von unten so nah an mich ran, dass ich fürchte, ihn zu berühren. Ein anderes Mal kommt er mir entgegen, so dass ich sein Maul und seine kleinen weisen Augen sehe. Er nähert sich mir so zielstrebig, dass ich denke wer weicht zuerst aus, dann streift er mich sanft mit der Schwanzflosse.
Ich nehme alles nur noch verschwommen wahr, finde mich in einer Mischung aus Traum und Realität wieder. Ich weiß nicht mehr, wie alles anfing und wie es zu Ende ging, und ob es denn je wirklich geschah. Aber diese Bilder, diese Gefühle, die eigentlich nicht in Worte zu fassen sind, begleiten mich nun als Tag- und Nachtträume und machen mich so dankbar. Denn es ist immer wieder ein Privileg, am Meer zu leben.





2 Kommentare zu "Der Walhai und seine Geschichte"
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